Das ungekürzte [ mittendrin ]-Interview
mit dem Gemeinwohl-Ökonomen Christian Felber.
Von Christoph Baumanns

 
[ mittendrin ]     Was ist für Sie persönlich „Leistung“ in einem guten Sinn?

Christian Felber:      Die konsequente Arbeit an einem Ziel, das ich mir selbst gesetzt habe oder mit dem ich mich identifizieren kann – hier geht es um Freiheit und Initiative. Leistung soll sinnstiftend sein, den Beziehungen und dem Gemeinwohl dienen und zumindest niemanden schädigen, also auch ethisch sein. Wenigstens dient Leistung der Persönlichkeitsentwicklung, wie zum Beispiel die Verfeinerung der Körpersensibilität oder der Entfaltung einer Kunst, davon haben auch Andere etwas.

 
[ mittendrin ]     Was ist für Sie die größte Gefahr unserer „Leistungsgesellschaft“?

Felber:     Dass wir belanglose Leistungen (Betreuung von Hedge-Fonds) als wertvoller erachten und höher belohnen als lebenswichtige Leistungen (Betreuung von Kindern, Kranken, Älteren, Sterbenden). Die Betreuung von Kindern, Kranken, Älteren und Sterbenden sind hochwertvolle Leistungen (gesellschaftlicher Nutzwert: sehr hoch). Aber sie werden entweder gar nicht oder miserabel belohnt (Tauschwert gering oder null). Die Betreuung von Hedge-Fonds sind unwichtige oder sogar destruktive Leistungen (gesellschaftlicher Nutzwert: negativ), sie werden aber höher entlohnt als jede andere Leistung (Tauschwert bis zu 5 Milliarden US-Dollar pro Jahr). Allgemeiner gesprochen: dass heute die erste Million die schwerste ist anstatt die leichteste zu sein, dass Besitzeinkommen geringer besteuert werden als Leistungseinkommen und dass das weitere Reicher- und Größerwerden immer leichter wird – das alles sind Gegenanzeigen einer echten Leistungsgesellschaft.

 
[ mittendrin ]     Was leistet denn die Gemeinwohl-Ökonomie für die Gemeinschaft, was für den/die Einzelne/n?

Felber:     Die Gemeinwohl-Ökonomie gibt das richtige Ziel vor und belohnt das Leben der gemeinsamen Beziehungs- und Verfassungswerte. Dadurch wird das Wirtschaften „effektiv“ im Sinne der Zielerreichung und „ethisch“ im Sinne der Verfassungswerte. Da den meisten Menschen Gerechtigkeit, Demokratie und Nachhaltigkeit sowie insgesamt das Gemeinwohl ein Anliegen sind, werden wir diesen Werten und Zielen näherkommen als im gegenwärtigen Wirtschaftssystem, in dem die Vermehrung des Kapitals und das Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) die höchsten Ziele sind. und damit die Erreichung des eigentlichen Zieles erschweren und dem Leben der fundamentalen Werte sogar im Weg stehen.

 
[ mittendrin ]     Warum ist es so schwer, Alternativen zum herrschenden Wirtschaftsmodell bekannt zu machen und zumindest ihre Erprobung zu initiieren?

Felber:      Die Gemeinwohl-Ökonomie wurde in drei Jahren in zahlreichen Ländern bekannt, wir werden von 1650 Unternehmen aus über 30 Staaten unterstützt. Allerdings hat uns die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Zeit, die Neue Zürcher Zeitung bisher nicht beachtet, und wir wurden in keine Talkshow Deutschlands eingeladen. Das macht aber nichts, wir wachsen von der Basis her organisch und unaufhaltsam, und selbst dieses Wachstum ist schon so schnell, dass wir es kaum schaffen, die nötige Infrastrukturen im Gleichschritt aufzubauen.

 
[ mittendrin ]     Eigentlich liegt es auf der Hand, dass ein neues Wirtschaften „Weniger“ bedeutet: weniger Verbrauch, weniger Konsum, weniger Wegwerfen, weniger Haben etc. Was stimmt Sie positiv, dass das herrschende Wirtschaftsmodell durch eines mit „weniger Wachstum“ abgelöst werden kann?

Felber:     Ganz einfach: Weniger BIP-Wachstum muss nicht weniger Lebensqualität, Gemeinwohl, Bedürfnisbefriedigung oder schlechtere Beziehungen bedeuten, ganz im Gegenteil: Das weitere Wachstum des BIP steht den eigentlichen Zielen tendenziell im Weg. Wir wissen verlässlich aus Psychologie, Biologie und Glücksforschung, dass Geld, Erfolg und Macht keinen Menschen glücklich machen, sondern gelingende Beziehungen, Persönlichkeitsentwicklung, Zeitwohlstand, intakte Ökosysteme. Die Erreichung dieser Ziele lässt sich aber nicht mit dem BIP messen. Deshalb verschiebt sich der Fokus der Aufmerksamkeit in der Gemeinwohl-Ökonomie auf die Messung des Gemeinwohl-Produkts, dass nach unserer Vorstellung auf demokratische Weise komponiert wird: mit den für die Menschen wichtigsten Zutaten für umfassende Lebensqualität.

 
[ mittendrin ]     Die Idee der Gemeinwohl-Ökonomie haben auch schon Unternehmen ausprobiert. Können Sie uns ein konkretes Beispiel beschreiben?

Felber:     Erfreulicherweise macht eine große Vielfalt von Unternehmen mit. Von Beginn an waren Biogärtnereien, Beratungsdienstleister, Maschinenbauer und auch eine mittelständische Bank dabei, inzwischen sind es schon drei Banken (eine Sparda-Bank, eine Raiffeisenkassa und eine Sparkasse) und in Summe fast 200 Unternehmen. Im ersten Jahr verschafft die Erstellung der Gemeinwohl-Bilanz einen 360-Grad-Blick auf die „ethische Performance“ des Unternehmens. Dadurch wird gleichzeitig das langfristige Entwicklungspotenzial sichtbar. Viele Pionier-Betriebe berichten deshalb, dass sie die Bilanz als vollwertiges Organisationsentwicklungsinstrument verwenden. Bei einem Salzburger IT-Dienstleister war die Folge, dass die Mitarbeiter/-innen sich engagierter einbringen und sich trauen, ihre Ideen dem Chef mitzuteilen. Eine Druckerei prüft die Umstellung der Entscheidungsstrukturen auf Soziokratie und auf die vollständige biologische Abbaubarkeit aller Druckfarben. Ein Südtiroler Möbelhersteller will von der Umsatzmaximierung abrücken und nur noch das verkaufen, was die Kunden/innen wirklich benötigen.

 
[ mittendrin ]     Eigentlich sind die Kirchen „unverzichtbare Partner im Eintreten für eine gerechtere Gesellschaft“ (wie SPD-Chef Gabriel zur Neuwahl von Kardinal Marx zum Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz sagte). Da müssten doch die Kirchen wichtige Unterstützer für die Gemeinwohl-Ökonomie sein. Ist das so? Welche Erfahrungen haben Sie mit den Kirchen als Gesprächspartner? Was wünschen Sie sich? Gibt es Kirchengemeinden, die sich für die Gemeinwohl-Ökonomie einsetzen oder sie gar umsetzen?

 
Felber:     Wir erfahren eine breite positive Resonanz quer durch alle Kirchen und Religionen – die Gemeinwohl-Ökonomie beruht ja auf deren gemeinsamer ethischer Essenz. Entsprechend prüfen kirchliche Bildungseinrichtungen die Erstellung der Gemeinwohl-Bilanz oder sind sogar der Treffpunkt unserer Regionalgruppen wie zum Beispiel St. Arbogast in Vorarlberg oder das Haus am Schüberg in Hamburg. Für die nächsten Monate und Jahre erwarte ich prominenten Zuwachs, es gibt bereits ein ernsthaftes Interesse der ersten Erzdiözese, die Gemeinwohl-Bilanz zu erstellen.
Der Erzbischof von Barcelona hat die Christen/-innen in seinem Sonntagsbrief öffentlich aufgerufen, sich für eine „Gemeinwohl-Ökonomie“ zu engagieren. Eine ganze Reihe von Basisorganisationen hat die aktive Teilnahme und Umsetzung eingeleitet.

 
[ mittendrin ]     Welche Leistung einer Gemeinschaft (historisch gesehen) beeindruckt Sie in besonderer Weise?

Felber:     Die Umsetzung von Demokratie, der Menschen- und Bürgerrechte. Die Abschaffung von Diskriminierung unterschiedlichster Art. Die Einrichtung öffentlicher Güter wie Bahnen, Spitäler oder Bildungseinrichtungen. Und heute die Inseln der Nachhaltigkeit wie Ökodörfer, die einen Lebensstil kultivieren, der globalisierbar ist, ohne die Grenzen des Planeten und die Bedürfnisse kommender Generationen zu verletzen. Aber auch die Entwicklung spiritueller Traditionen, die schon Jahrtausende währen, bis hin zu Yoga und kooperativen, spielerischen Tanz.

 
[ mittendrin ]     Wenn Sie mal nichts leisten (müssen), was tun Sie dann?

Felber:     Da sind wir schon beim Thema. Ich lasse los, genieße, freue mich des Lebens, tanze und fühle mit allem. Ich weite das Spüren aus und empfange offen und dankbar, was da kommt, inspiriere mich mit jedem Atemzug. Einfach nur dasitzen oder auf einen Baum klettern oder schwimmen gehen oder auf dem Rücken liegen und den Wolken zusehen. Oder im Caféhaus sinnieren und lesen, … es gibt so viele wunderbare Genüsse, für die es sich lohnt, zeitwohlhabend zu werden.

 
[ mittendrin ]     Herzlichen Dank für das Gespräch!

Gewinn? Gemeinwohl?

„Wie wollen wir weiter wirtschaften: am Gewinn oder am Gemeinwohl orientiert?“ So lautete die Ausgangsfrage der März-Veranstaltung im bis auf den letzten Platz besetzten Bürgersaal des Rathauses. Vieldiskutierte Antworten gab Christian Felber, der mit seiner Initiative „Gemeinwohl-Ökonomie“ unser gegenwärtiges Wirtschafts-modell herausfordert – nicht indem er es abschaffen will, sondern indem er dessen Werte-Orientierung neu ausrichtet. Nach Kassel eingeladen hatte ihn ein ungewöhnlicher Kasseler Veranstalterpool: Arbeitsgruppe Bedingungsloses Grundeinkommen, Anthroposophisches Zentrum, attac-Regionalgruppe, Volkshochschule (vhs), Evangelisches Forum und Katholische Kirche.

[ mittendrin ] hat Christian Felber gefragt, welche Rolle „Leistung“ in einer gemeinwohlorientierten Gesellschaft spielt.

Zur Person

Christian Felber (geboren 1972) ist einer der maßgeblichen Entwickler der im Oktober 2010 gestarteten Initiative „Gemeinwohl-Ökonomie“. Felber hat attac Österreich mitbegründet und wurde mit seinem Buch „Gemeinwohl-Ökonomie“ (2010) zu einer wichtigen Stimme der Globalisierungskritik. Er arbeitet als Autor, freier Tänzer, Universitätslektor und internationaler Referent. „Gemeinwohl-Ökonomie“ (Neuauflage 2012) liegt mittlerweile in vielen Sprachen vor. Im März erschient sein neues Buch „Geld – die neuen Spielregeln“.

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